Sonntag, 4. Oktober 2015

Kreta ... und mein Herz schlug schneller


Auch nach Jahren trifft dieser Satz aus Nikos Kazantzakis „Alexis Sorbas“ auf mich zu. Deshalb verdient diese Insel den ersten Text in diesem Blog. 1996 besuchte ich zum ersten Mal Griechenland und war so fasziniert, dass ich mehr von diesem Land sehen wollte. Nach Kreta kam ich das erste Mal ein Jahr darauf. Dank vorgelebter Sicherheiten und mangelnder Erfahrung im Reisen ganz brav als Pauschaltourist. Untergebracht in einem ziemlich hässlichen Hotelbunker bei Iraklio mit einem überfüllten Strand über die Straße, erahnte ich dennoch den Zauber. Ich erinnere mich an den Zitronenbaum im Hotelgarten, von dem der Wirt frische Zitronen für meine Cola pflückte. Deutlich sehe ich den verbeulten VW Polo vor mir, mit dem ein vollbärtiger Bauer frisches Lammfleisch anlieferte. Das ausgenommene Tier lag einfach so im Kofferraum.

Damals besuchte ich auch zum ersten Mal Lendas. Das kleine Dorf klemmt am Fuße des Asteroussia-Gebirges, umspült von der Libyschen See. Im Westen wird die Ansammlung weißer Häuschen von einem Felsen begrenzt, der an einen Löwen erinnert. Die Sage erzählt die Geschichte des Löwen von Lendas: Kreta und Afrika hingen einst zusammen. Als sich Kreta vom afrikanischen Kontinent trennte, sprangen alle Löwen hinüber nach Afrika. Nur einer schaffte es nicht. Er weinte bittere Tränen, bis er versteinerte und für immer aufs Libysche Meer hinaus schaut, sehnsuchtsvoll in Richtung Afrika. Deshalb ist das Mittelmeer salzig …

In einer einfachen Taverne am Strand fragte die Besitzerin, deren Namen ich damals noch nicht kannte, ob wir ein Zimmer wollen. Elpida ahnt wohl bis heute nicht, dass sie damit zweierlei bewirkte: Zum einen das Ende meines Pauschaltouristentums, zum anderen eine tiefe Verbundenheit zu diesem Fleckchen Erde.

Lendas zog schon im Altertum die Reisenden an. Um eine Quelle mit heilkräftigem Wasser entstand eine Badeanstalt, ein Kurort, zu dem sich die Reisenden begaben. Das Wasser, aus dem sie heute auf der anderen Seite des Berges Limonade machen, soll immer noch besondere Kräfte haben. Ein Fischer, Manolis, erzählte mir einst die Geschichte vom magischen Lendaswasser. „Wer das Wasser trinkt, kommt wieder“, sagte er. Es muss am Wasser liegen. Mit logischem Menschenverstand ist dieser Zauber nicht zu erklären, der mich seitdem mindestens einmal jährlich nach Kreta und nach Lendas führt.

Oft werde ich gefragt, ob ich nicht das Gefühl habe, etwas zu verpassen, wenn ich nur Griechenland bereise. Die Welt kenne doch so viele interessante Orte. Mag sein. Ein paar davon hab ich schon gesehen. Doch keiner schafft es, diese Sehnsucht zu stillen. Nirgendwo breitet sich diese Ruhe in mir aus, erfüllt mich das Gefühl, ganz bei mir selbst zu sein.

Kreta erscheint mir wie ein destilliertes Griechenland. All das, was die Faszination Griechenland ausmacht, erlebe ich hier viel dichter, komprimierter, intensiver. Ein unbekannter Autor versuchte dies in Worte zu fassen, die auf der Weihnachtskarte meiner Lieblingsautovermietung an meiner Pinnwand überdauern:

wunderbares kreta
du stolze Insel
mit deinen hohen bergen
tiefen schluchten
und lieblichen stränden

schwimmend in der blauen
mediterranen See
unter strahlend gelber sonne
und azurem himmel
jahrein – jahraus
jahrtausende

wer dich besucht
den ziehst du in deinen bann
unbemerkt und keiner logik
folgend
ist man dir verfallen
lebenslang

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