Sonntag, 18. Oktober 2015

Begegnung auf Gramvousa


Im Westen Kretas ragt eine Landzunge weit ins Meer hinaus: Gramvousa. Karge, verkarstete Hänge stürzen ins Wasser, das in unzähligen Blau- und Türkistönen schimmert. Elf Kilometer müssen wir auf der buckligen Straße zurücklegen, die in Kaliviani beginnt, vorsichtig den Wagen von Loch zu Loch heben, um zur Spitze zu gelangen. Unser Ziel ist Balo’s Bay, eine Lagune, die mit ihren Farben an die Südsee erinnert. Die Landschaft ist rau. Nichts erinnert an die ausgedehnten Olivenhaine und die Melonenfelder im Süden der Insel. Zwischen den verdorrten Macchiabüschen finden nur Ziegen etwas zu fressen. Wir entdecken sie in den schmalen Schattenflecken einiger Felsen, als wir der staubigen Piste folgen, die sich nur wenige Meter über dem Meeresspiegel entlang zieht. Langsam steigt der Weg an, bis er hoch über der See in einen winzigen Platz mündet. Hier parken die Fahrzeuge der Wanderer neben einem alten Fischerboot. Die allgegenwärtigen Ziegen streunen herum und ein Hund läuft uns kläffend entgegen.

Wir stellen das Auto vor einem abenteuerlich aussehenden Dieselgenerator ab, der mit monotonem Brummen für Strom sorgt, und umrunden das Schiff. Stolz verkündet ein handgemaltes Schild „Taverna & Kafenio“. Hinter einem provisorischen Schilfzaun wartet eine Hand voll Tische auf Wanderer, die von der farbenprächtigen Lagune den Berg hinaufgeschnauft kommen. Eine buntgefleckte Katze liegt unter einem Stuhl und hofft auf einen Gast, den sie anbetteln kann. Wir bestaunen das Boot, fragen uns, wie es hergekommen ist. Es erweckt den Eindruck, von vergangen Zeiten auf dem Meer zu träumen, als sein Besitzer die schweren Netze über die Reling zog. Jetzt wird es vom heißen Wind umpfiffen, der den Staub der Berge mit sich trägt. Von hier oben können wir den Golf von Kastelli überblicken. Die Halbinsel Rodopou zeichnet sich als blauer Schemen im Dunst ab. Die Einsamkeit ist fast greifbar.

Ein Strohdach mit einer bunten Glühbirnenkette darunter spendet dem schäbigen Tresen aus zwei Tischen Schatten. Dahinter steht eine hochgewachsene Frau mit mitteleuropäischen Zügen, sie schneidet Gurken und fleischige Tomaten für einen Salat. Wir trinken einen Kaffee, ehe wir zur Lagune hinunterklettern. Der schmale Pfad zieht sich um einen Bergsporn. Auf einmal öffnet sich der Blick auf die Bucht dreihundert Meter unter uns. Wir haben Glück, das Boot mit den Ausflüglern legt gerade ab und nur noch eine Handvoll Menschen verteilt sich rund um die Lagune. Der Strand aus Muschelkalk schimmert rosa. Blassgelb bis tiefblau leuchtet das Wasser, stellenweise ist es nur knietief, so dass der Sand im Sonnenlicht glänzt. Zwei, drei Kilometer vor der Küste liegt die Insel Gramvousa, ein steiler Felsen, auf dem eine venezianische Festung wie ein Adlerhorst thront. Uneinnehmbar diente sie jahrhundertelang Piraten als Schlupfwinkel. Die Szenerie bietet noch heute die ideale Kulisse für einen Film.

Am Spätnachmittag sind wir zurück, erschöpft vom steilen Aufstieg in der Sonne. Der Parkplatz liegt verwaist, wir sind die letzten Gäste an diesem Tag. Ehe wir zu unserer Unterkunft aufbrechen, wollen wir unsere ausgetrockneten Kehlen mit etwas Kühlem netzen. Die hellhäutige Frau setzt sich zu uns an den Tisch, wir kommen ins Gespräch. In einem Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch verständigen wir uns. Rose heißt sie und ist Isländerin. Im vergangenen Herbst kam sie nach Gramvousa, wie die vielen Wanderer jedes Jahr wollte sie die Lagune von Balos Bay entdecken. Den alten Jannis, dem dieses Wrack gehört, fragte sie, wo man arbeiten könne. Er dachte nicht lange nach und hielt ihr die Hand hin: „Bei mir.“ Rose hatte eingeschlagen. Sie blieb zwei Monate in Kaliviani, wohnte im Hotel und half bei der Olivenernte. „Wer noch keinen Winter auf Kreta erlebt hat, kennt die Insel nicht richtig“, sagt sie. Über den Jahreswechsel flog sie nach Hause, kündigte ihre Arbeit, löste ihre Wohnung auf und regelte die üblichen Behördenangelegenheiten. Sie verabschiedete sich von Eltern und Geschwistern und kehrte vier Wochen später nach Kreta zurück. „Island ist viel zu kalt“, sagt sie und schüttelt sich dabei. Dann redet sie über ihre Studien, Anthropologie und Betriebswirtschaft, ihre Reisen in andere Länder. Griechenland ist das erste, in dem sie länger bleibt, in Kreta habe sie sich verliebt. Aber sie träumt auch von Asien. Mitte Dreißig ist sie. Was die Familie zu ihrem Entschluss gesagt hat, fragen wir. In Island hänge die Familie nicht so eng zusammen wie in Griechenland, die Kinder verlassen mit achtzehn das Haus, man sieht sich nur selten, und es sei wichtig, im Ausland Erfahrungen zu sammeln.

Die Katze schnurrt herbei und springt Rose auf den Schoß. Wir reden über das Leben hier draußen. Im März ist sie vom Hotel auf das Boot umgezogen. Seither bringt Jannis täglich mit seinem verbeulten Pickup die Lebensmittel und Getränke. Vormittags kümmert er sich um seine Olivenfelder, am Nachmittag fährt er zu ihr hinaus. In den Dörfern haben die meisten Griechen mehrere Jobs, gut bezahlte Arbeitsstellen sind rar. Beinahe jeder auf der Insel versucht, ein Stückchen vom Tourismuskuchen abzubekommen. Der Zusammenhalt ist ganz anders, erzählt Rose. Jeder hilft jedem. Wenn sie in Island Geld braucht, geht sie zur Bank. Hier geht man zum Nachbarn. Das imponiert ihr, sie kennt es nicht von daheim. Rose spricht von der Olivenernte. Jeder arbeitet dann auf den Feldern. Das Kafenio hat geschlossen, der Minimarket auch. Neben dem Popen arbeiten der Lehrer und der Busfahrer. Die Kinder bekommen schulfrei, auch ihre Hände werden gebraucht. Die Oliven stellen nach dem Tourismus die wichtigste Einnahmequelle der Kreter dar. Sie sind ihr Gold, sagt Rose. Inzwischen ist es spät geworden, die Sonne taucht langsam hinter den Bergrücken. Jannis tritt an unseren Tisch und verabschiedet sich. Zwei Minuten später erlöschen die Glühbirnen über dem Tresen. Er hat den Generator abgeschaltet, erklärt Rose. Wie? Den Generator abgeschaltet? Für einen Moment glaube ich, mich verhört zu haben, die Worte nicht richtig zu übersetzen. Ja, sobald die letzten Gäste gegangen sind, lacht Rose, um Diesel zu sparen. Sie habe Kerzen. Ob es nicht einsam ist, hier draußen, traue ich mich zu fragen, ob die Abende nicht lang werden. Nein, sie genießt die Ruhe. Das, sie umfasst das Meer, die Berge und den Himmel, ist alles, was sie braucht. Sie hat eine Menge Bücher und die Tiere. Und ein Fernstudium hat sie ins Auge gefasst, Philosophie vielleicht. Wenn die Saison vorbei ist, will sie wieder ins Hotel. Bei der Olivenernte hilft sie mit, dann möchte sie drei Monate durch Europa reisen. Wie lange sie noch bleibt, auf Kreta? Keine Ahnung, dieses Jahr und die nächste Saison. Danach wird sie sehen, Asien wartet ja noch.

Im Dunkeln fahren wir die elf Kilometer zurück, lenken den Wagen durch die Löcher, die im Scheinwerferkegel kaum auszumachen sind. Wir bewundern Rose’ Mut und fragen uns, ob auch wir einmal das sichere, geregelte Leben in Deutschland eintauschen für den Traum von Kreta.

2 Kommentare:

  1. Kalispera Heike, toller Bericht und sehr schön hast du den finger-Gramavousa beschrieben. Auch die Geschichte über Rose ist interessant.

    Letzte Jahr wurden alle Tavernen am Balos-Beach und die Taverne oben am Parkplatz abgerissen.

    vg aus Hamburg, kv

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    1. Vielen Dank! Ich sehe, ich muss diese Ecke Kretas wieder bereisen. In letzter Zeit treibe ich mich mehr im Süden herum.
      Herzliche Grüße nach Hamburg!
      Heike

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