Donnerstag, 11. Mai 2017

Christos und der Löwenfelsen


Christos Tousis

Ein Mensch, der zu Lentas gehört wie der Löwenfelsen, ist Christos. Den Job als Jurist hing er schon früh an den Nagel und jobbte lieber als Barmann. Als ich den Hünen vor zwanzig Jahren kennenlernte, betrieb er gemeinsam mit seinem Freund Giannis die Pink Panter Bar. In den ersten Jahren befand sie sich noch in einer kleinen Seitengasse auf einer Klippe hoch über dem Meer. Giannis machte am Dachgestänge Klimmzüge und Christos mixte die Cocktails. Später kaufte Giannis Pelopas Hütte, eine frühere Wechselstube, die nach Einführung des Euro keiner mehr brauchte. Die beiden bauten sie zu einer schicken Café-Bar mit WLAN um.
Christos wirkliche Leidenschaft ist jedoch das Zeichnen. Schon 1973 begann er damit. Der löwenförmige Felsen und seine Geschichte inspirierten Christos zu einer einfachen wie bestechenden Zeichnung. Immer wieder schuf er neue Motive um den Löwen: Das Schaf auf dem Löwenberg, das sich in eine Wolke verliebt. Ein Pärchen, das in die Sternschnuppen schaut. Eine Ballerina, die auf einem silbernen Seil bis zum Mond tanzt. Und die Katzen, natürlich dürfen die unzähligen griechischen Katzen nicht fehlen.
Auf dem Tresen seiner Bar zeigte er den Reisenden im Lichtkegel einer Taschenlampe seine Motive. Gefällt dir eines, dann nimmt er die Bestellung auf, welche Farbe der Karton haben soll, welche Farbe der Stift und malt das Bild für dich neu. So erhält jeder Kunde ein echtes Original. Immer häufiger kamen Cartoons hinzu. In bunten Farben zeichneten auch sie Szenen um den Löwen nach, fangen die Magie von Lentas ein. So zeichnete er in dem Jahr, als eine tischgroße Schildkröte die Schwimmer in Angst und Schrecken versetzte, eine Szene, in der eine schnorchelnde Schildkröte den zweibeinigen Eindringling in ihrem Reich kritisch beäugt.
In den letzten Jahren hält Christos immer mehr philosophische Themen fest. Er fasst die E-Mail-Flut in bunte Farben, karikiert den Autodidakten, der sich selbst am Strand neben dem Letas-Löwen der Fortbildung widmet, und lässt einen orangen Fisch gegen den Strom schwimmen. Acht Jahre hat es gedauert, bis er mit seiner Kunst mehr verdiente als in der Bar. So ergriff er seine Chance, als Giannis die Pink Panter Bar verkauft hatte. Für die Menschen in Lentas schrieb er Speisekarten, malte Plakate und Wegweiser zur nächsten Pension. Er kreierte T-Shirts mit der Löwen-Silhouette, Lesezeichen und Aufkleber für‘s Auto. Ganz neu sind die Schlüsselanhänger – und immer sind die Bilder Originale. Seine Kunst im Copyshop zu vervielfältigen, lehnt Christos ab. Er kommt ganz ohne Werbung, ohne Facebook, ohne Webseite aus. Sein Talent spricht sich herum, seine Bilder leben von seiner Persönlichkeit. Aus den Postkarten entstanden großformatige Bilder. Lentas-Reisende schaffen in Deutschland Möglichkeiten, bei denen er sie ausstellen kann: In einer Bankfiliale in Berlin oder bei einem Olivenölfest in der Pfalz. Da sitzt er dann und zeichnet für die Menschen live ihre ganz eigene Karte. Bis es wieder Sommer wird und Christos nach Lentas zurückkehrt.  
Jeden Abend, punkt 22 Uhr, sitzt er dann in einer Ecke in Tiger Lilys Café, leicht zu erkennen an seinem kahlgeschorenen Schädel und der Adlernase. Zeigt seine Motive, die ganze Alben füllen. Nimmt die Bestellungen auf und zeichnet sie in den nächsten Tagen. Den ganzen Sommer lang. 
Die Bilder entstanden beim Oliandi 2017 im Weinkeller des Weinguts Wick zu Zell im Zellertal


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über Ihre und Eure Anmerkungen zu meinen Gedanken!