Samstag, 25. März 2017

Herbst in Paleochora


Wenn du im September nach Kreta reist, hast du eine Schön-Wetter-Garantie. Die Temperaturen sind hochsommerlich und erreichen in manchen Jahren die 40 Grad-Marke. Die Sonne hat über den Sommer hinweg das Land ausgedörrt. Roter Staub trübt das silberne Glänzen der Olivenbäume. Ein konstanter Wind aus Süden treibt den Sand über den Strand, zerrt an den Haaren und lässt dich die Augen zusammenkneifen. Es fühlt sich alles nach Sommer an – und doch steht der Herbst vor der Tür. Du siehst es an den Knollen der Meerzwiebel, die ihre Stängel aus der ausgedorrten Erde schieben. Wenn die ersten Blüten kommen, ist der Herbst nicht mehr weit.
An einem dieser Tage bummelten wir durch Paleochora, einer Kleinstadt oder besser einem großen Dorf tief im Süden der Insel am Fuße der Weißen Berge. Wir stromerten über die Ruinen der venezianischen Festung, blickten nach Osten und nach Westen entlang der rauen Küste. Über die Berge schoben sich Wolken, ein beeindruckendes Schauspiel. Es war so frisch, dass ich sogar lange Hosen und eine Jacke trug. Dann bummelten dann durch die schmalen Gassen, steckten unsere Nasen in die verschiedenen Geschäfte.
Schließlich landeten wir in einem Schmuckgeschäft und ich schaute mir verschiedene Ohrringe an. In dem Augenblick, als ich mit tropfenförmigen Ohrringen vor dem Spiegel posierte, öffneten sich draußen die Schleusen des Himmels. Von einem Moment auf den anderen goss es in Strömen. Das Wasser verwandelte die schmale Gasse vor dem Geschäft in einen Fluss.
Wir schauten besorgt in den Regen: War es das jetzt mit Spätsommerurlaub? Der Juwelier aber strahlte über das ganze Gesicht und fragte, ob er uns kurz allein lassen könne. Er lief hinaus in den Regen. Wir folgten ihm und blieben in der Tür stehen. Der Mann breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken, dass ihm der Regen ins Gesicht klatschte. In Nullkommanichts klebte sein weißes Hemd auf der Haut und die Haare troffen, als stünde er unter der Dusche. Aus den umliegenden Läden und Kafenios strömten die Leute auf die Straße. Sie fassten sich an den Händen und sprangen jauchzend wie die Kinder herum, unser Juwelier mittendrin.
So überraschend wie der Regen gekommen war, so schnell hörte er wieder auf. Die Wolken rissen auf und die Sonne trocknete in Minutenschnelle dampfend den Asphalt. Lachend und sich gegenseitig auf die Schultern klopfend kehrten die Leute an ihre Arbeit zurück. Der Juwelier betrat den Laden und grinste von einem Ohr zu anderem: Das war der erste Regen seit fünf Monaten!