Samstag, 28. Januar 2017

Eine kretische Lösung


Überall auf Kreta laufen Schafe frei herum. Biegt man auf den Serpentinenstraßen um eine Kurve, versperren sie den Weg. Sie liegen im Winter auf dem warmen Asphalt und lassen sich selbst durch Hupen nur schwer überzeugen, Platz zu machen.
Auch bei unserem Freund Manolis lief ständig eine Gruppe über die Baustelle seines kleinen Hotels weit außerhalb eines Dorfes, hinterließ überall ihre Nurpeln und zertrampelte gerade erst angelegte Wege und Rabatten. Im frisch gegossenen Beton fanden sich Klauenabdrücke und eine Wand der für den Pool ausgehobenen Grube war eingebrochen, als die Tiere auf der Suche nach Wasser hinunter geklettert waren. Manolis verlor langsam die Geduld. Wenn die morgen wieder hier sind, sagte er zu seinem Mitarbeiter Niko, einem Albaner, würden sie sie schlachten.
Anderntags kam Manolis am späten Vormittag auf die Baustelle. Er fand Niko bei einem Schuppen, wie er just einem Schaf die Kehle durchschnitt. Manolis, mit viel griechischem Temperament gesegnet, tobte.
Niko ließ das Donnerwetter über sich ergehen und bemerkte gelassen, Manolis habe gesagt, wenn sie wieder das Grundstück verwüsteten, solle er sie schlachten. Er hätte schon mal angefangen, die anderen wären im Schuppen.
Manolis öffnete die Schuppentür. Acht Schafe drängten sich in der Hütte und blökten. Mit wedelnden Armen scheute er sie hinaus. Offenbar hatte Niko, der schon viele Jahre auf Kreta lebte und die Sprache fließend beherrschte, kein Ohr für griechischen Sarkasmus entwickelt. Immer noch aufgebracht ließ er den Albaner stehen, stürzte davon und – stolperte über ein weiteres totes Schaf, das an der Seite vom Schuppen lag. Neben ihm zwei weitere Kadaver. Er fuhr herum.
Niko, der die Hände in den Taschen vergraben hatte, zog eine Augenbraue hoch und zuckte die Schultern. Manolis überlegte. Die Schafe gehörten mit Sicherheit einem der Bauern aus dem Dorf. Wem war nicht klar, da sie keine Markierung trugen. Das konnte nur zu Streit mit seinen neuen Nachbarn führen.

Niko, der um die Aufrichtigkeit seines Chefs wusste, erkannte das Dilemma in Manolis‘ Miene. Also schlug er vor, sie aufzuessen.
Manolis zögerte. Oft passierte es, dass ein Schaf in eine Felsspalte stürzte und verendete oder dass ein freilaufender Hund Beute machte. Ehe die Bauern das nächste Mal die Tiere zur Schur zusammentrieben und feststellten, dass vier Schafe fehlten, vergingen noch Monate.
Niko griff eins der Schafe an den Hinterläufen und lud es sich auf die Schulter. Zwei du, zwei ich. Die Knochen vergraben wir.
Langsam nickte Manolis. Erst viel später bemerkte er, dass Niko ihm die beiden älteren Exemplare gegeben und für sich selbst die jungen, zarten reserviert hatte.