Montag, 19. Juni 2017

Eine Frage der Moral



Während der Wanderung die Agia-Irini-Schlucht hinauf, diskutierten wir, wie wir zurück zum unteren Eingang kommen sollten, an dem unser Auto stand. Fakt war, für mich waren die siebeneinhalb Kilometer nicht zweimal zu schaffen.
F. war dafür, die Strecke doppelt zu laufen und mich dann abzuholen. Das kam für mich gar nicht infrage. Ich hatte keine Lust, allein irgendwo an einer Straße zu sitzen und mindestens zwei Stunden zu warten.
Also schlug F. vor, ein Taxi zu rufen. In Sougia am Taxistand hatte er sich vorsorglich die Nummer notiert. Auch diese Idee fand ich nicht so prickelnd, denn von Sougia bis zum oberen Schluchtende  und wieder zurück – das konnte teuer werden. Ich wollte trampen. Noch nie zuvor hatten wir in Griechenland ein Auto angehalten, entsprechend verhalten fiel F.s Reaktion aus.
Am Schluchtausgang drei Stunden später waren wir uns immer noch uneins. Da hörte ich ein Auto heranbrummen, stand geschwind auf der Straße und hielt den Daumen raus. Das Fahrzeug hielt – und es war ein Taxi aus Sougia!
Wir stiegen ein. Der Fahrer, der sich als Giannis vorstellte, fuhr los, ließ das Taxameter aber aus. Ich ahnte Schlimmes, war doch in den Reiseführern zu lesen, dass die griechischen Taxifahrer gern die Touristen mit überhöhten Preisen abzocken.
Giannis fing in einem Gemisch aus Griechisch und Englisch ein Gespräch an und fragte, ob wir das erste Mal auf Kreta seien.
Nein, zum sechsten Mal. Aber zum ersten Mal in Sougia.
Giannis hob eine Augenbraue. Wo wir denn sonst so gewesen sind, wollte er wissen.
Während wir die kurvige Straße entlang fuhren, zählte ich die kleinen Orte auf, in denen wir gern Urlaub machen: Mochlos im Norden, Myrtos im Süden und Lentas, vor allem Lentas.
Giannis‘ Augenbraue ging noch ein Stück höher.
Woher ich denn so gut Griechisch sprechen könne, fragte er weiter und bog um die nächste Kurve. Die Strecke nach Sougia hinunter war wirklich weit.  
In Deutschland gelernt. Auf der Volkshochschule.
Ja, warum denn das?
Nun, weil wir jedes Jahr nach Kreta kommen und abseits des Touristenrummels etwas Griechisch hilfreich ist.
Ich hielt es kaum für möglich, doch Giannis Augenbraue rutschte noch weiter die Stirn hinauf.
Wir plauderten munter weiter und erreichten nach halbstündiger Fahrt den Abzweig Richtung Schluchteingang. Giannis hielt direkt neben unserem Auto. Vorsichtig fragte ich ihn auf Griechisch, wieviel die Fahrt denn koste.
Five euro, just for fun! antwortete er und lachte.
Wir zahlten und immer noch lachend fuhr Giannis davon.

Donnerstag, 11. Mai 2017

Christos und der Löwenfelsen


Christos Tousis

Ein Mensch, der zu Lentas gehört wie der Löwenfelsen, ist Christos. Den Job als Jurist hing er schon früh an den Nagel und jobbte lieber als Barmann. Als ich den Hünen vor zwanzig Jahren kennenlernte, betrieb er gemeinsam mit seinem Freund Giannis die Pink Panter Bar. In den ersten Jahren befand sie sich noch in einer kleinen Seitengasse auf einer Klippe hoch über dem Meer. Giannis machte am Dachgestänge Klimmzüge und Christos mixte die Cocktails. Später kaufte Giannis Pelopas Hütte, eine frühere Wechselstube, die nach Einführung des Euro keiner mehr brauchte. Die beiden bauten sie zu einer schicken Café-Bar mit WLAN um.
Christos wirkliche Leidenschaft ist jedoch das Zeichnen. Schon 1973 begann er damit. Der löwenförmige Felsen und seine Geschichte inspirierten Christos zu einer einfachen wie bestechenden Zeichnung. Immer wieder schuf er neue Motive um den Löwen: Das Schaf auf dem Löwenberg, das sich in eine Wolke verliebt. Ein Pärchen, das in die Sternschnuppen schaut. Eine Ballerina, die auf einem silbernen Seil bis zum Mond tanzt. Und die Katzen, natürlich dürfen die unzähligen griechischen Katzen nicht fehlen.
Auf dem Tresen seiner Bar zeigte er den Reisenden im Lichtkegel einer Taschenlampe seine Motive. Gefällt dir eines, dann nimmt er die Bestellung auf, welche Farbe der Karton haben soll, welche Farbe der Stift und malt das Bild für dich neu. So erhält jeder Kunde ein echtes Original. Immer häufiger kamen Cartoons hinzu. In bunten Farben zeichneten auch sie Szenen um den Löwen nach, fangen die Magie von Lentas ein. So zeichnete er in dem Jahr, als eine tischgroße Schildkröte die Schwimmer in Angst und Schrecken versetzte, eine Szene, in der eine schnorchelnde Schildkröte den zweibeinigen Eindringling in ihrem Reich kritisch beäugt.
In den letzten Jahren hält Christos immer mehr philosophische Themen fest. Er fasst die E-Mail-Flut in bunte Farben, karikiert den Autodidakten, der sich selbst am Strand neben dem Letas-Löwen der Fortbildung widmet, und lässt einen orangen Fisch gegen den Strom schwimmen. Acht Jahre hat es gedauert, bis er mit seiner Kunst mehr verdiente als in der Bar. So ergriff er seine Chance, als Giannis die Pink Panter Bar verkauft hatte. Für die Menschen in Lentas schrieb er Speisekarten, malte Plakate und Wegweiser zur nächsten Pension. Er kreierte T-Shirts mit der Löwen-Silhouette, Lesezeichen und Aufkleber für‘s Auto. Ganz neu sind die Schlüsselanhänger – und immer sind die Bilder Originale. Seine Kunst im Copyshop zu vervielfältigen, lehnt Christos ab. Er kommt ganz ohne Werbung, ohne Facebook, ohne Webseite aus. Sein Talent spricht sich herum, seine Bilder leben von seiner Persönlichkeit. Aus den Postkarten entstanden großformatige Bilder. Lentas-Reisende schaffen in Deutschland Möglichkeiten, bei denen er sie ausstellen kann: In einer Bankfiliale in Berlin oder bei einem Olivenölfest in der Pfalz. Da sitzt er dann und zeichnet für die Menschen live ihre ganz eigene Karte. Bis es wieder Sommer wird und Christos nach Lentas zurückkehrt.  
Jeden Abend, punkt 22 Uhr, sitzt er dann in einer Ecke in Tiger Lilys Café, leicht zu erkennen an seinem kahlgeschorenen Schädel und der Adlernase. Zeigt seine Motive, die ganze Alben füllen. Nimmt die Bestellungen auf und zeichnet sie in den nächsten Tagen. Den ganzen Sommer lang. 
Die Bilder entstanden beim Oliandi 2017 im Weinkeller des Weinguts Wick zu Zell im Zellertal


Samstag, 25. März 2017

Herbst in Paleochora


Wenn du im September nach Kreta reist, hast du eine Schön-Wetter-Garantie. Die Temperaturen sind hochsommerlich und erreichen in manchen Jahren die 40 Grad-Marke. Die Sonne hat über den Sommer hinweg das Land ausgedörrt. Roter Staub trübt das silberne Glänzen der Olivenbäume. Ein konstanter Wind aus Süden treibt den Sand über den Strand, zerrt an den Haaren und lässt dich die Augen zusammenkneifen. Es fühlt sich alles nach Sommer an – und doch steht der Herbst vor der Tür. Du siehst es an den Knollen der Meerzwiebel, die ihre Stängel aus der ausgedorrten Erde schieben. Wenn die ersten Blüten kommen, ist der Herbst nicht mehr weit.
An einem dieser Tage bummelten wir durch Paleochora, einer Kleinstadt oder besser einem großen Dorf tief im Süden der Insel am Fuße der Weißen Berge. Wir stromerten über die Ruinen der venezianischen Festung, blickten nach Osten und nach Westen entlang der rauen Küste. Über die Berge schoben sich Wolken, ein beeindruckendes Schauspiel. Es war so frisch, dass ich sogar lange Hosen und eine Jacke trug. Dann bummelten dann durch die schmalen Gassen, steckten unsere Nasen in die verschiedenen Geschäfte.
Schließlich landeten wir in einem Schmuckgeschäft und ich schaute mir verschiedene Ohrringe an. In dem Augenblick, als ich mit tropfenförmigen Ohrringen vor dem Spiegel posierte, öffneten sich draußen die Schleusen des Himmels. Von einem Moment auf den anderen goss es in Strömen. Das Wasser verwandelte die schmale Gasse vor dem Geschäft in einen Fluss.
Wir schauten besorgt in den Regen: War es das jetzt mit Spätsommerurlaub? Der Juwelier aber strahlte über das ganze Gesicht und fragte, ob er uns kurz allein lassen könne. Er lief hinaus in den Regen. Wir folgten ihm und blieben in der Tür stehen. Der Mann breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken, dass ihm der Regen ins Gesicht klatschte. In Nullkommanichts klebte sein weißes Hemd auf der Haut und die Haare troffen, als stünde er unter der Dusche. Aus den umliegenden Läden und Kafenios strömten die Leute auf die Straße. Sie fassten sich an den Händen und sprangen jauchzend wie die Kinder herum, unser Juwelier mittendrin.
So überraschend wie der Regen gekommen war, so schnell hörte er wieder auf. Die Wolken rissen auf und die Sonne trocknete in Minutenschnelle dampfend den Asphalt. Lachend und sich gegenseitig auf die Schultern klopfend kehrten die Leute an ihre Arbeit zurück. Der Juwelier betrat den Laden und grinste von einem Ohr zu anderem: Das war der erste Regen seit fünf Monaten!

Samstag, 28. Januar 2017

Eine kretische Lösung


Überall auf Kreta laufen Schafe frei herum. Biegt man auf den Serpentinenstraßen um eine Kurve, versperren sie den Weg. Sie liegen im Winter auf dem warmen Asphalt und lassen sich selbst durch Hupen nur schwer überzeugen, Platz zu machen.
Auch bei unserem Freund Manolis lief ständig eine Gruppe über die Baustelle seines kleinen Hotels weit außerhalb eines Dorfes, hinterließ überall ihre Nurpeln und zertrampelte gerade erst angelegte Wege und Rabatten. Im frisch gegossenen Beton fanden sich Klauenabdrücke und eine Wand der für den Pool ausgehobenen Grube war eingebrochen, als die Tiere auf der Suche nach Wasser hinunter geklettert waren. Manolis verlor langsam die Geduld. Wenn die morgen wieder hier sind, sagte er zu seinem Mitarbeiter Niko, einem Albaner, würden sie sie schlachten.
Anderntags kam Manolis am späten Vormittag auf die Baustelle. Er fand Niko bei einem Schuppen, wie er just einem Schaf die Kehle durchschnitt. Manolis, mit viel griechischem Temperament gesegnet, tobte.
Niko ließ das Donnerwetter über sich ergehen und bemerkte gelassen, Manolis habe gesagt, wenn sie wieder das Grundstück verwüsteten, solle er sie schlachten. Er hätte schon mal angefangen, die anderen wären im Schuppen.
Manolis öffnete die Schuppentür. Acht Schafe drängten sich in der Hütte und blökten. Mit wedelnden Armen scheute er sie hinaus. Offenbar hatte Niko, der schon viele Jahre auf Kreta lebte und die Sprache fließend beherrschte, kein Ohr für griechischen Sarkasmus entwickelt. Immer noch aufgebracht ließ er den Albaner stehen, stürzte davon und – stolperte über ein weiteres totes Schaf, das an der Seite vom Schuppen lag. Neben ihm zwei weitere Kadaver. Er fuhr herum.
Niko, der die Hände in den Taschen vergraben hatte, zog eine Augenbraue hoch und zuckte die Schultern. Manolis überlegte. Die Schafe gehörten mit Sicherheit einem der Bauern aus dem Dorf. Wem war nicht klar, da sie keine Markierung trugen. Das konnte nur zu Streit mit seinen neuen Nachbarn führen.

Niko, der um die Aufrichtigkeit seines Chefs wusste, erkannte das Dilemma in Manolis‘ Miene. Also schlug er vor, sie aufzuessen.
Manolis zögerte. Oft passierte es, dass ein Schaf in eine Felsspalte stürzte und verendete oder dass ein freilaufender Hund Beute machte. Ehe die Bauern das nächste Mal die Tiere zur Schur zusammentrieben und feststellten, dass vier Schafe fehlten, vergingen noch Monate.
Niko griff eins der Schafe an den Hinterläufen und lud es sich auf die Schulter. Zwei du, zwei ich. Die Knochen vergraben wir.
Langsam nickte Manolis. Erst viel später bemerkte er, dass Niko ihm die beiden älteren Exemplare gegeben und für sich selbst die jungen, zarten reserviert hatte.