Mittwoch, 27. Juli 2016

Mama Elpida oder die Kraft der Hoffnung

Mama Elpida gehört zu Lendas wie das heilkräftige Wasser der Quelle. Immer wenn ich das Örtchen besuche, das sich an die Flanke des Löwenfelsens auf der Südseite des Asteroussia-Gebirges schmiegt, gehe ich als erstes die wenigen Schritte von der Platia zum Dorfstrand. Feiner Sand mit ein paar Steinen dazwischen, vielleicht sechs Meter breit. Daran grenzen die Tavernen. Drei Stufen führen rechter Hand in die Taverna Elpida. Elpida – die Hoffnung. Ein bezeichnender Name, nicht nur für die Taverne, sondern vor allem für ihre wohlbeleibte Besitzerin. Um die achtzig soll sie sein. Ihr Gesicht wirkt zeitlos, Sonne und Wind haben es geformt wie sie die kahlen Berge gezeichnet haben. Jedes Jahr bange ich, ob sie noch vor ihrer Küche sitzt und aufs Meer hinaus schaut. Umso erleichterter bin ich, als wir um die Ecke biegen und sie ist da. Bedächtig schält sie mit knotigen Fingern Kartoffeln für die Mittagszeit. Als sie uns erblickt, legt sie ihr Messer beiseite und wischt sich die Hände an der fleckigen Schürze ab. »Meine Kinder! Wie geht’s? Iste kalá?« Wir versichern ihr, uns geht es gut. Ihr ebenfalls. »Zimmer, Kinder?« fragt sie. »Ne, ne«, sage ich auf griechisch, »ja, ja«.
Über ihrer Taverne vermietet sie drei einfache Zimmer. Die riesige Terrasse mit Blick auf den Löwenfelsen und die kleinen Fischerboote entschädigt für die Gemeinschaftsdusche. Valentina kommt aus dem Supermarkt, eine Tüte Orangen in der Hand. Die sympathische Frau stammt ursprünglich aus Bulgarien und geht Elpida seit Jahren zur Hand. Während sie oben die Unterkunft fegt, setzt uns Elpida frischen Orangensaft vor. Aufs Haus natürlich, denn wir haben uns bei ihr eingemietet. „Schon am Brunnen getrunken?“ fragt sie uns und bezieht sich dabei auf den Mythos vom magischen Lendaswasser. Ich schüttele den Kopf, noch nicht. „Ihr müsst trinken“, sagt Elpida. Denn wer das Wasser trinkt, kommt immer wieder, so erzählt es die Legende. Schon in der Antike pilgerten die Kranken hierher und schwörten auf die heilenden Kräfte des Wassers. Am Rand des Ortes zeugen noch die Reste eines Asklepiosheiligtums davon. Heute wird es an der Nordseite des Asteroussias in Flaschen gefüllt. Ich verspreche Elpida, auch dieses Mal meine Hand unter den kühlen Strahl des Brunnens zu halten, der auf der Platia steht. Zufrieden setzt sich Elpida wieder in den Schatten und greift zu Kartoffeln und Messer. 
Ich lasse mir Zeit, stimme mich auf den Rhythmus des Ortes ein, der von den gleichmäßig heranrollenden Wellen der libyschen See bestimmt wird. In Griechenland laufen die Uhren langsamer als in Deutschland, in Lendas bestimmen Sonne und Meer die Zeit. Vom Löwenberg tönt das Läuten einer Ziegenherde herüber und mischt sich mit dem allgegenwärtigen Hämmern der Zikaden. Elpida hat genügend Kartoffeln in ihrer Blechschüssel. Sie nickt uns zu, lächelt und schaut wieder aufs Meer hinaus. 
Als wir am Abend vom Baden zurückkommen, gibt es hausgemachte Kost von Mamá Elpida. Sie hat keine Speisekarte wie andere Restaurants. Biftéki, Schweinekoteletts und Souvláki vom Grill gibt es jeden Tag, genauso wie ihr Tsatsiki mit dem grünen Olivenöl obenauf, die weiteren Gerichte wechseln. Heute hat der Nachbar Kaninchen geschossen. Elpida hat sie zusammen mit Zwiebeln, den intensiv duftenden, faustgroßen Tomaten und ein paar Kartoffeln zwei Stunden lang im Ofen geschmort, verrät sie uns. Keine Frage, wir bestellen den Braten. Elpida nickt wohlwollend. Wenig später stehen die vollbeladenen Teller vor uns. Beim ersten Bissen versuche ich herauszufinden, womit sie das Kaninchen gewürzt hat. Thymian und Rosmarin schmecke ich heraus, sowie einen Hauch Zimt, der ist das I-Tüpfelchen der kretischen Küche. 
Während wir unser Essen genießen, verschwindet die Sonne hinter dem Löwenfelsen. Die Männer machen ihre Boote klar. Mit tuckernden Motoren fahren sie hinaus. Jeden Morgen wartet der Händler aus Mires neben Elpidas Taverne. Die Männer tragen ihren kargen Fang in Plastiktüten oder Holzstiegen zu dem verbeulten VW-Transporter. Dort wiegt sie der dicke Handelsmann auf einer Schale, die an einer Messfeder hängt. Fisch und zerknautschte Geldscheine wechseln den Besitzer. Wir sehen den blinkenden Lichtern nach und hoffen, dass die Fischer morgen etwas zu verkaufen haben. Nach dem Essen setzt sich Elpida zu uns. Gewissenhaft notiert sie mit stumpfen Bleistift die Preise auf einem abgegriffenen Block, während Valentina einen Teller Melonenstücke bringt. 
Wir erzählen von unseren Plänen für den Rest des Abends. »Pink Panter? Christós?« fragt Elpida und wackelt mit dem Kopf. »Nix Raki trinken. In Kopf wie Dynamit.« Wir versprechen ihr, den Selbstgebrannten auszuschlagen, und verabschieden uns.
Vier tapsige Katzenjunge tollen um ihre Beine, haschen sich zwischen den blauen Stühlen und verstecken sich in den Blumenkübeln. Normalerweise können Griechen die deutsche Tierliebe nicht nachvollziehen. Katzen leben neben den Menschen, nicht mit ihnen. Elpida aber stellt den kleinen Maunzern eine Schale Milch hin und füttert sie mit Küchenabfällen. Wir haben ausgetrunken und schaffen unser Gepäck nach oben. Dann rufen wir Elpida ein „Andio“ zu. Ehe wir schwimmen gehen, nehmen wir uns die Zeit, am Brunnen zu trinken. Die Vorderfront zeigt ein fischschwänziges Pferd, das auch den Boden des Tempels ziert. Aus meiner Hand schlürfe ich das Lendaswasser und hoffe dabei auf seine Magie.
Spät am Abend gehen wir zurück. Elpida hat alle Lichter in der Taverne gelöscht. In ihrem Zimmer murmelt ein Fernseher. Durch den offenen Türspalt sehen wir, wie sie auf der Couch eingeschlafen ist. Morgen beginnt der Tag wieder früh für sie. Auf Zehenspitzen huschen wir die Treppe zu unserer Terasse hinauf. Ehe wir in die Betten kriechen, schauen wir zum Firmament. Es ist so dunkel, dass wir viel mehr Sterne sehen können als daheim. Das glitzernde Band der Milchstraße zieht sich über den Himmel und der Löwenfelsen zeichnet sich als schwarze Silhouette ab. Ein Tag in Lendas geht zu Ende, unser erster von einer Woche Kreta. Unser Alltag liegt bereits dreitausend Kilometer weit weg. Durchs Fenster weht ein kühler Nachtwind herein. Die Geräusche der Nacht, eine einzelne Zikade, das Klatschen der Wellen gegen einen Bootsrumpf, wiegen uns in den Schlaf. Mein letzter Gedanke gilt der Magie dieses Ortes und seiner Menschen: Das Wasser hat seine Kraft nicht verloren. Ich werde wiederkommen.
Dieses Portrait von Elpida habe ich vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Noch immer gehe ich jedes Jahr bangen Herzens die schmale Gasse hinunter, und freu mich umso mehr, wenn Elpida vor ihrer Küche sitzt. Gemüse putzt sie schon lange nicht mehr. Aber die Rechnung notiert sie immer noch gewissenhaft mit ihrem Bleistift auf dem kleinen Block. Sie schläft sehr viel, doch jedes Mal flackert das Feuer in ihrem Blick auf, wenn sie uns sieht. Ihre Tochter Maria kümmert sich um alles.  Es gibt sogar eine kleine Speisekarte, die aber nur „richtigen“ Touristen vorgelegt wird. Valentina lebt wieder in Bulgarien bei ihrem Mann. Dafür hilft Nelly nun aus. Christós und Gianni haben die Panter-Bar verkauft – doch das ist eine andere Geschichte...

Nachtrag vom 30.07.16: Ich habe soeben von einem anderen Kretareisenden erfahren, dass Elpida vor vier Wochen verstorben ist. Sie wird in unseren Herzen immer weiterleben und mit dieser Geschichte die Zeiten überdauern.