Freitag, 20. Mai 2016

Milás elliniká im Kloster Agia Triada



Die Halbinsel Akrotiri, die sich östlich von Chania ins kretische Meer vorschiebt, ist vor allem durch das Dörfchen Stavros bekannt, in dem Anthony Quinn den Aléxis Zórbas spielt und am Fuß des Berges Sirtáki tanzt. Viel interessanter als das Örtchen, das von den Tagestouristen aus Chania überschwemmt wird, ist das Hinterland. Bis zu fünfhundert Metern erheben sich die Berge aus der Ebene heraus. Hier befindet sich auch das Kloster Agía Triáda. Eine von Zypressen gesäumte Straße führt zu der mächtigen Anlage im Renaissancestil. Wir halten neben dem Treppchen, das Reitern im 17. Jahrhundert das Aufsteigen erleichtern sollte. Breite Stufen führen zum Eingangstor hinauf. Ein alter, ins traditionelle Schwarz gekleideter Mann sitzt dort und verkauft die Eintrittskarten. Lauter Fältchen um die Augen zeugen von einem fröhlichen Gemüt. Als er sieht, dass ich gehandicapt bin, winkt er uns durch. Das habe ich schon oft in Klöstern erlebt, offenbar vereinbart es sich nicht mit dem orthodoxen Glauben, Behinderten Geld abzuverlangen, selbst wenn es nur bescheidene Beträge sind. Ich bedanke mich überschwänglich auf Griechisch. Der Alte schaut auf. „Milás elliniká?“, du sprichst griechisch, fragt er. Ja, sage ich. Er grinst breit und freut sich. Für ein Gespräch hat er keine Zeit, denn an seinem Tischchen steht ein Mann und will Eintrittskarten erwerben. Wir betreten das Kloster. Aufgänge und Bögen verleihen dem Hof etwas malerisches. Überall wuchern Blumen. Vor dem Eingang zur Kirche steht ein mächtiger Orangenbaum. Doch halt, da hängen auch Zitronen dran. Wir schauen uns den Baum näher an. In diesem Augenblick plappert hinter uns eine Stimme los. Der Alte vom Eingang. Ich verstehe, dass der Baum vier Sorten Früchte trägt. Tatsächlich entdecken wir auch Limonen und Mandarinen. Der Baum sei dreihundert Jahre alt, erzählt der Mann. Es folgt ein Wortschwall, begleitet von Gesten. Denen entnehmen wir, dass die Früchte gepfropft worden sind. Er pflückt eine unreife Limone, kratzt mit dem Fingernagel an der Schale und hält mir die Frucht unter die Nase. Sie duftet intensiv und frisch. „Kalá?“, gut, fragt er. Ich nicke.

Während Frank Fotos schießt, setze ich mich auf eine Bank im Klosterhof. Der Alte wuselt zu seinem Tisch, dann kommt er wieder. Er erzählt mir, dass er Panagiotis heißt. Er hat Theologie studiert. Schon immer ist er den Mönchen zur Hand gegangen. Die Griechen haben ihre Religion ins tägliche Leben eingebunden. Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es Nachwuchs für die Klöster. In Agia Triada leben fünf Mönche. Sie produzieren Wein, Olivenöl und Raki. Außerdem verkaufen sie kleine Ikonen und Votivtäfelchen, versilberte Bilder von Körperteilen. Wenn sich ein Grieche zum Beispiel das Bein gebrochen hat, erwirbt er eines mit einem Unterschenkel drauf. Das legt er an einem heiligen Ort ab und sichert sich dadurch die göttliche Hilfe bei der Heilung. Der griechisch-orthodoxe Glaube kommt mir ehrlicher vor, als das bei uns praktizierte Christentum.

Panagiotis löchert mich inzwischen mit Fragen. Woher wir kommen, in welchem Ort wir schlafen, wie oft wir schon auf Kreta waren, was wir mögen. Es gefällt mir, meine Griechischkenntnisse anzuwenden. Frank stößt wieder zu uns. Gemeinsam gehen wir zum Tor. In dem breiten Durchgang geht es auf der Linken zu einem kleinen Museum, auf der Rechten in den Laden, in dem die Mönche ihre Produkte anbieten. Wir versuchen uns zu verabschieden, Panagiotis aber schiebt uns entschieden in Richtung Museum. Er erzählt etwas von den Schätzen, die es hier gibt, und winkt, dass wir hineingehen sollen. Nun denn, wir tun ihm den Gefallen, obwohl kirchliche Kunst für uns nicht so interessant ist. In drei Kammern sind vergoldete Ikonen, liturgisches Gerät aus Silber und eine uralte Bibel ausgestellt. Als wir das Museum verlassen, wartet Panagiotis auf uns. Er hat eine Idee.

Seine Tochter hat Deutsch gelernt, ich griechisch und deshalb soll ich jetzt mit ihr telefonieren. Ich soll was? Ich bezweifle, dass ich das gerade richtig verstanden habe. Meine Einwände lässt Panagiotis nicht gelten. Er nimmt meine Hand und zieht mich in den Laden. Frank folgt mit verwundertem Gesichtsausdruck. Ich sage nur, dass ich jetzt telefonieren soll.

Im Laden redet Panagiotis so schnell auf den Mann hinter dem Tresen ein, dass ich überhaupt nicht mehr folgen kann. Der schiebt ihm das Telefon zu. Panagiotis drückt mit seinen rauen Fingern die Tasten und murmelt dabei die Ziffern vor sich hin. Es klingelt. Ich fasse immer noch nicht, was gerade geschieht. Griechisch beherrsche ich soweit, dass es für eine einfache Unterhaltung reicht, die Biografie, Urlaub, Essen und Zimmersuche abdeckt. Einem Telefonat fühle ich mich nicht gewachsen. Panagiotis spricht unterdessen mit jemandem. Dann legt er mit bekümmertem Gesicht auf. Das war sein Enkel. Seine Tochter sei gerade in Athen. Das ist ja so schade, dass ich nicht mit ihr telefonieren kann. Ich weiß nicht so recht, ob ich traurig oder froh sein soll.
Während ich Frank das Gespräch übersetze, sagt Panagiotis wieder etwas zu dem Mann hinter dem Tresen. Dieser holt ein hübsch geformtes Fläschchen mit Korken aus einem Schrank und packt es ein. Raki. Panagiotis erklärt uns, der gute Stoff, den die Mönche herstellen, sei wie Medizin und helfe bei Erkältung, gegen Kopfweh, Muskelschmerzen und alle möglichen anderen Beschwerden. Dann überreicht er uns das Päckchen und nötigt uns das Versprechen ab, wieder nach Kreta zu kommen. Vielleicht könne ich dann mit seiner Tochter telefonieren.
Als wir die breite Treppe hinuntergehen, steht Panagiotis im Torbogen und winkt uns nach. Erst als wir im Auto sitzen, wendet er sich um und geht ins Kloster zurück.

Sonntag, 8. Mai 2016

Das Komboloi oder Wie man sich als Grieche tarnt


Ein jeder, der Griechenland bereist, hat es schon gehört: Das typische Klack-klack mit dem die Perlen des Komboloi aneinanderschlagen, wenn sein Besitzer das Kettchen geschickt um die Finger wirbelt.
Von Außenstehenden als Rosenkranz missdeutet, ist es eigentlich ein Accessoire der Herrenausstattung und hat seine religiöse Bedeutung schon lange verloren. Über seine Herkunft gibt es viele Spekulationen: Aus China stammend, von den Mönchen des Athos als Gebetsschnüre genutzt, von den Türken übernommen. Mir gefällt am besten die Geschichte, dass in den Zeiten der türkischen Besatzung es als Mutprobe galt, vor den Türken mit deren Gebetskettchen zu spielen und die Besatzer damit zu verhöhnen. Die Menschen, die uns begegnet sind, nutzen es heute zum Zeitvertreib, um ihre Hände beschäftigt zu halten und als Glücksbringer. Auch ich trage jeden Tag ein kleines Komboloi in der Jackentasche. Es erinnert mich im hektischen deutschen Alltag an das flirrende Licht über dem Meer, an den Duft roter Erde und warmen Wind auf der Haut. Droht mir der Stress die gute Laune zu vermiesen, greife ich in meine Tasche, schiebe die Perlen ein bisschen hin und her und finde zurück zur inneren Ruhe. Frank und ich verbinden aber mit dem Komboloi noch eine ganze eigene Geschichte, die ich nun erzählen möchte:
Der Altstadt von Chania wohnt ein ganz besonderer Zauber inne, der auch im Sommer trotz der Touristenströme spürbar wird. Wir lieben es, durch die schmalen Gassen zu streifen, dem Charme der venezianischen Paläste nachzuspüren und einmal die große Runde um den Hafen herum zu laufen. Hier reihen sich Tavernen neben Cafés und nahezu vor jedem Lokal steht ein Kellner, der mit geübtem Blick die Nationalität der Vorbeiflanierenden bestimmt und in der jeweiligen Landessprache ruft: „Hunger? Gutes Essen! Kommen Sie.“ Lehnt man dann höflich ab, wir haben schon gegessen, ändert sich nur das Angebot: „Kaffee, Cocktail, Icecream! Kommen Sie!“ Ein bisschen anstrengend finden wir.
Weil mein Frank mit Sommerbräune und schwarzen Augen von den Griechen für einen Italiener und von den Italienern gewöhnlich für einen Griechen gehalten wird, reifte ein Plan in uns. Ob er sich mit Komboloi für einen Griechen ausgeben kann? Gekleidet in lange Hosen und dunkles Hemd – klar doch, kein Grieche, der etwas auf sich hält, läuft in Shorts oder gar Bermudas durch eine Stadt! - drehte Frank zunächst ohne mich die Runde und erschien breit grinsend wieder in unserer Pension.
Am Abend sollte ich es dann selbst erleben: Kaum sind wir die Treppengasse zur Hafenpromenade hinabgestiegen, schießt der erste Kellner aus seinem Lokal, vertut sich erwartungsgemäß in der Nationalität: „Mangiare, Signore, Signora?“ Klack-klack! „Signomi! – Entschuldigung!“ ruft er und zieht sich wieder zurück. Ok, das konnte Zufall sein. Doch ein Lokal weiter geschieht das gleiche. Wir amüsieren uns prächtig. Seither begleitet uns Franks Komboloi auf jedem Ausflug in touristisches Gebiet.