Samstag, 23. Januar 2016

Herzschlag Athen

Das erste Mal besuchte ich 1996 Athen. Mein Eindruck damals: Eine laute, stinkende Stadt. Viel zu viele Menschen - fast vier Millionen leben hier. Die Stadt ist riesig. Unübersichtlich. Verwinkeltes Einbahnstraßengewirr, durch das sich Blechlawinen quälen. Vier, fünf Jahre später war ich zum zweiten Mal hier. Nicht besser. An drei Seiten von über tausend Meter hohen Gebirgszügen umgeben, ruht das Häusermeer unter einer Smogglocke.
Parks und Grünflächen gibt es kaum. Die heiße Luft steht zwischen hässlichen Plattenbauten. Unpersönliches Hotel in einem Randbezirk mit viel zu kalt eingestellter Klimaanlage, so dass die Hitze wie ein Hammerschlag meine Stirn trifft, wenn ich vor die Türe trete. Mein damaliger Begleiter schleppte mich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. In zwei Tagen müssen alle touristisch relevanten Punkte aufgesucht werden. Bei 38 Grad im Schatten lasse ich mich von Touristenmassen aus aller Herren Länder auf die Akropolis hinauf und durchs Museum hindurch schieben. Ich beschließe, dass Athen hässlich ist und dass dieser Eindruck auch durch den Status als älteste Stadt Europas nicht gemildert wird.

Seit 12 Jahren bereise ich mit Frank Griechenland. Von Athen habe ich ihn lange fern gehalten, waren mir doch meine Zeit, die wenigen Tage im Jahr, die ich in Hellas verbringen darf, zu schade, um in diesem Moloch herumzuhängen. Doch jemand, der Griechenland liebt, muss auch diese Stadt erlebt haben. Im letzten Jahr nach unserer Peloponnes-Rundreise ging der Rückflug vom Eleftherios-Venizelos-Flughafen, der nach dem großen kretischen Premierminister benannt wurde. Es bot sich an, zwei Nächte in Athen zu schlafen. Keine Lust auf die Hotels – steril und teuer. Deshalb buchten wir eine private Unterkunft mitten im Herzen der Stadt, so dass alles Wichtige fußläufig erreichbar war. Einen Tag, zwei Nächte, dachte ich mir, das hältst du schon aus und auch Frank kann einen Haken hinter Griechenlands Hauptstadt setzen. In Erinnerung an das Einbahnstraßengewirr gaben wir unser Auto am Flughafen zurück und fuhren mit der Metro, der blauen Linie, ins Zentrum. Unser Vermieter, der sich ganz international Adam nennt, erwartete uns am Ausgang der Monastiraki-Station. Einen Steinwurf weiter das winzige Appartement, das alles hat, was man braucht. Sogar einen Regenschirm, denn immerhin ist Februar. Adam schlägt uns eine Tour durch die Nachbarschaft vor, eine Mini-Stadtführung.

Zwei Blocks von der Wohnung entfernt liegt der Monastiraki-Platz. Die Metrostation mit ihren Rundbogen-Arkaden verbindet die modernen Hochhäuser, die den Platz im Norden begrenzen, mit den schnuckeligen Häusern der Plaka im Süden. Dahinter erhebt sich majestätisch der Akropolis-Hügel. Gegen das Treiben auf dem Monastiraki-Platz ist Leipzigs Markt selbst zur Weihnachtszeit gähnend leer.
Adam stapft mit uns mitten auf den Platz und dreht sich den Arm ausgestreckt im Uhrzeigersinn. Die Gasse mit den traditionellen Grillrestaurants, wo die älteren Athener speisen. Die Einkaufmeile mit den ganzen internationalen Modeketten, die direkt zum Syntagma-Platz mit dem markanten Parlamentsgebäude führt, das jeder aus den Nachrichten kennt. Die Monastiraki-Kirche aus dem 17. Jh., die dem Platz seinen Namen gab. Daneben ein paar Säulen und altes Gemäuer - die Hadrians-Bibliothek, 2. Jh. nach Christus. Die charakteristische Kuppel der Tsistarakis-Moschee, der das Minarett fehlt und die heute als Keramik-Museum dient, erbaut Mitte des 18. Jh. Die ersten Häuser der Plaka mit ihren Fassaden ebenfalls aus dem 18. Jh. Darüber thront die Akropolis, 5. Jh. vor Christus. Weiter südlich die römische Agora, 1. Jh. vor Christus. Dazwischen eine Gasse, der berühmte Athener Flohmarkt mit seinen unzähligen Geschäften. Parallel dazu die Gasse mit modernen Restaurants, in denen sich jüngere Leute treffen. Adam liefert gleich seine Empfehlung für unser Dinner mit. Dann zeigt er auf eines der Hochhäuser. A for Athens steht an der Fassade des modernen Hotels. Im obersten Stockwerk und auf dem Dach eine Café-Bar, die uns Adam fürs Frühstück empfiehlt. Vor unseren Füßen Glaskästen. Als ich hindurchschaue, sehe ich antike Mauern und Gebäudereste - mitten in der Metrostation. Gegensätze, wohin das Auge blickt.
Die Mini-Stadtführung hat keine halbe Stunde gedauert. Adam verabschiedet sich und verschwindet im Gewühl. Wir setzen uns in ein Café und lassen das Treiben auf uns wirken. Im Februar lässt es sich unter einem Heizpilz gut im Freien aushalten. Der dampfende Kaffee wird in einem kupfernen Brikki serviert, in dem er auf einem Gaskocher zubereitet wurde. Blitzlichtartig sammle ich die Eindrücke. Trotz Rezession und Griechenlandkrise sehe ich viel mehr Einheimische als Touristen. Sie bevölkern die Freisitze der Cafés, hocken auf den Glaskästen mit ihrer Gyrospita in der Hand, klatschen im Takt der Straßenmusiker. An einem Stand duften Maronen auf dem Rost. Daneben verhandelt eine alte Frau mit Kopftuch mit einer mondän gekleideten Griechin über den Preis ihrer bestickten Tischdecken. Über dem Kopf einer jungen Frau schwebt ein Bündel bunter Luftballons: Tiere, Herzen, Comicfiguren. Eine andere verkauft Rosen. Dazwischen ein Losverkäufer mit verwittertem Gesicht. Der Losverkauf ist das griechische Pendant zu unseren Straßenzeitungen, die Bedürftigen können sich so ein kleines Geld dazuverdienen.

Hier auf dem Monastiraki-Platz schlägt das Herz von Athen. Der Strom an Menschen ist das Blut in ihren Adern. Mit jedem Atemzug lässt sich der Puls dieser Metropole spüren. Reißt mich mit, ich lass mich treiben. Ich glaube, das ist das Geheimnis. Man muss den Herzschlag dieser Stadt aufnehmen wie den Beat beim Tanzen. Im gleichen Rhythmus atmen. Sich öffnen für den Geist der Geschichte wie auch für die Kraft der Moderne.

Kann kaum in Worte fassen, was wir erleben. Die Liveband in dem Restaurant am Abend. Der Blick von der Terrasse des A for Athens am anderen Morgen hinüber zur Akropolis und hinunter auf das bunte Treiben auf dem Monastiraki-Platz. Die kleinen Geschäfte auf dem Flohmarkt, wo sich Krimskramsläden mit Lederwaren und Gebrauchtwarenhändlern abwechseln.
Der Aufstieg auf die Akropolis - als ob man in eine ganz andere Welt eintaucht, eine Zeitreise in die Vergangenheit. Die gigantische Aussicht vom Akropolis-Hügel über das weiße Häusermeer, hinter dem die blaue See in der Sonne glänzt. Graffiti an unzähligen Fassaden – künstlerisch und politisch zu gleich. Eine Kirche aus dem 17. Jh., die unter einem modernen Hochhaus steht, das extra wegen dem Kirchlein auf Betonpfeilern errichtet wurde. Das Olympeion des Zeus: Haushohe Säulen, die Jahrtausende überdauert haben und mit den Plattenbauten im Hintergrund für den ewigen Widerspruch stehen, in dem sich Griechenland seit Jahren befindet. Immer wieder freundliche, interessierte Leute, die sich wundern, was die beiden Deutschen denn mitten im Winter in Griechenland tun. Nach neunzehn Jahren hat es mich erwischt. Athen ist großartig. Eine Stadt der Superlative. Eine Stadt, die man erlebt haben muss. Eine Stadt, die ich immer wieder spüren will. Weil mein Herz in ihrem Takt tanzt.