Mittwoch, 27. Juli 2016

Mama Elpida oder die Kraft der Hoffnung

Mama Elpida gehört zu Lendas wie das heilkräftige Wasser der Quelle. Immer wenn ich das Örtchen besuche, das sich an die Flanke des Löwenfelsens auf der Südseite des Asteroussia-Gebirges schmiegt, gehe ich als erstes die wenigen Schritte von der Platia zum Dorfstrand. Feiner Sand mit ein paar Steinen dazwischen, vielleicht sechs Meter breit. Daran grenzen die Tavernen. Drei Stufen führen rechter Hand in die Taverna Elpida. Elpida – die Hoffnung. Ein bezeichnender Name, nicht nur für die Taverne, sondern vor allem für ihre wohlbeleibte Besitzerin. Um die achtzig soll sie sein. Ihr Gesicht wirkt zeitlos, Sonne und Wind haben es geformt wie sie die kahlen Berge gezeichnet haben. Jedes Jahr bange ich, ob sie noch vor ihrer Küche sitzt und aufs Meer hinaus schaut. Umso erleichterter bin ich, als wir um die Ecke biegen und sie ist da. Bedächtig schält sie mit knotigen Fingern Kartoffeln für die Mittagszeit. Als sie uns erblickt, legt sie ihr Messer beiseite und wischt sich die Hände an der fleckigen Schürze ab. »Meine Kinder! Wie geht’s? Iste kalá?« Wir versichern ihr, uns geht es gut. Ihr ebenfalls. »Zimmer, Kinder?« fragt sie. »Ne, ne«, sage ich auf griechisch, »ja, ja«.
Über ihrer Taverne vermietet sie drei einfache Zimmer. Die riesige Terrasse mit Blick auf den Löwenfelsen und die kleinen Fischerboote entschädigt für die Gemeinschaftsdusche. Valentina kommt aus dem Supermarkt, eine Tüte Orangen in der Hand. Die sympathische Frau stammt ursprünglich aus Bulgarien und geht Elpida seit Jahren zur Hand. Während sie oben die Unterkunft fegt, setzt uns Elpida frischen Orangensaft vor. Aufs Haus natürlich, denn wir haben uns bei ihr eingemietet. „Schon am Brunnen getrunken?“ fragt sie uns und bezieht sich dabei auf den Mythos vom magischen Lendaswasser. Ich schüttele den Kopf, noch nicht. „Ihr müsst trinken“, sagt Elpida. Denn wer das Wasser trinkt, kommt immer wieder, so erzählt es die Legende. Schon in der Antike pilgerten die Kranken hierher und schwörten auf die heilenden Kräfte des Wassers. Am Rand des Ortes zeugen noch die Reste eines Asklepiosheiligtums davon. Heute wird es an der Nordseite des Asteroussias in Flaschen gefüllt. Ich verspreche Elpida, auch dieses Mal meine Hand unter den kühlen Strahl des Brunnens zu halten, der auf der Platia steht. Zufrieden setzt sich Elpida wieder in den Schatten und greift zu Kartoffeln und Messer. 
Ich lasse mir Zeit, stimme mich auf den Rhythmus des Ortes ein, der von den gleichmäßig heranrollenden Wellen der libyschen See bestimmt wird. In Griechenland laufen die Uhren langsamer als in Deutschland, in Lendas bestimmen Sonne und Meer die Zeit. Vom Löwenberg tönt das Läuten einer Ziegenherde herüber und mischt sich mit dem allgegenwärtigen Hämmern der Zikaden. Elpida hat genügend Kartoffeln in ihrer Blechschüssel. Sie nickt uns zu, lächelt und schaut wieder aufs Meer hinaus. 
Als wir am Abend vom Baden zurückkommen, gibt es hausgemachte Kost von Mamá Elpida. Sie hat keine Speisekarte wie andere Restaurants. Biftéki, Schweinekoteletts und Souvláki vom Grill gibt es jeden Tag, genauso wie ihr Tsatsiki mit dem grünen Olivenöl obenauf, die weiteren Gerichte wechseln. Heute hat der Nachbar Kaninchen geschossen. Elpida hat sie zusammen mit Zwiebeln, den intensiv duftenden, faustgroßen Tomaten und ein paar Kartoffeln zwei Stunden lang im Ofen geschmort, verrät sie uns. Keine Frage, wir bestellen den Braten. Elpida nickt wohlwollend. Wenig später stehen die vollbeladenen Teller vor uns. Beim ersten Bissen versuche ich herauszufinden, womit sie das Kaninchen gewürzt hat. Thymian und Rosmarin schmecke ich heraus, sowie einen Hauch Zimt, der ist das I-Tüpfelchen der kretischen Küche. 
Während wir unser Essen genießen, verschwindet die Sonne hinter dem Löwenfelsen. Die Männer machen ihre Boote klar. Mit tuckernden Motoren fahren sie hinaus. Jeden Morgen wartet der Händler aus Mires neben Elpidas Taverne. Die Männer tragen ihren kargen Fang in Plastiktüten oder Holzstiegen zu dem verbeulten VW-Transporter. Dort wiegt sie der dicke Handelsmann auf einer Schale, die an einer Messfeder hängt. Fisch und zerknautschte Geldscheine wechseln den Besitzer. Wir sehen den blinkenden Lichtern nach und hoffen, dass die Fischer morgen etwas zu verkaufen haben. Nach dem Essen setzt sich Elpida zu uns. Gewissenhaft notiert sie mit stumpfen Bleistift die Preise auf einem abgegriffenen Block, während Valentina einen Teller Melonenstücke bringt. 
Wir erzählen von unseren Plänen für den Rest des Abends. »Pink Panter? Christós?« fragt Elpida und wackelt mit dem Kopf. »Nix Raki trinken. In Kopf wie Dynamit.« Wir versprechen ihr, den Selbstgebrannten auszuschlagen, und verabschieden uns.
Vier tapsige Katzenjunge tollen um ihre Beine, haschen sich zwischen den blauen Stühlen und verstecken sich in den Blumenkübeln. Normalerweise können Griechen die deutsche Tierliebe nicht nachvollziehen. Katzen leben neben den Menschen, nicht mit ihnen. Elpida aber stellt den kleinen Maunzern eine Schale Milch hin und füttert sie mit Küchenabfällen. Wir haben ausgetrunken und schaffen unser Gepäck nach oben. Dann rufen wir Elpida ein „Andio“ zu. Ehe wir schwimmen gehen, nehmen wir uns die Zeit, am Brunnen zu trinken. Die Vorderfront zeigt ein fischschwänziges Pferd, das auch den Boden des Tempels ziert. Aus meiner Hand schlürfe ich das Lendaswasser und hoffe dabei auf seine Magie.
Spät am Abend gehen wir zurück. Elpida hat alle Lichter in der Taverne gelöscht. In ihrem Zimmer murmelt ein Fernseher. Durch den offenen Türspalt sehen wir, wie sie auf der Couch eingeschlafen ist. Morgen beginnt der Tag wieder früh für sie. Auf Zehenspitzen huschen wir die Treppe zu unserer Terasse hinauf. Ehe wir in die Betten kriechen, schauen wir zum Firmament. Es ist so dunkel, dass wir viel mehr Sterne sehen können als daheim. Das glitzernde Band der Milchstraße zieht sich über den Himmel und der Löwenfelsen zeichnet sich als schwarze Silhouette ab. Ein Tag in Lendas geht zu Ende, unser erster von einer Woche Kreta. Unser Alltag liegt bereits dreitausend Kilometer weit weg. Durchs Fenster weht ein kühler Nachtwind herein. Die Geräusche der Nacht, eine einzelne Zikade, das Klatschen der Wellen gegen einen Bootsrumpf, wiegen uns in den Schlaf. Mein letzter Gedanke gilt der Magie dieses Ortes und seiner Menschen: Das Wasser hat seine Kraft nicht verloren. Ich werde wiederkommen.
Dieses Portrait von Elpida habe ich vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Noch immer gehe ich jedes Jahr bangen Herzens die schmale Gasse hinunter, und freu mich umso mehr, wenn Elpida vor ihrer Küche sitzt. Gemüse putzt sie schon lange nicht mehr. Aber die Rechnung notiert sie immer noch gewissenhaft mit ihrem Bleistift auf dem kleinen Block. Sie schläft sehr viel, doch jedes Mal flackert das Feuer in ihrem Blick auf, wenn sie uns sieht. Ihre Tochter Maria kümmert sich um alles.  Es gibt sogar eine kleine Speisekarte, die aber nur „richtigen“ Touristen vorgelegt wird. Valentina lebt wieder in Bulgarien bei ihrem Mann. Dafür hilft Nelly nun aus. Christós und Gianni haben die Panter-Bar verkauft – doch das ist eine andere Geschichte...

Nachtrag vom 30.07.16: Ich habe soeben von einem anderen Kretareisenden erfahren, dass Elpida vor vier Wochen verstorben ist. Sie wird in unseren Herzen immer weiterleben und mit dieser Geschichte die Zeiten überdauern.

Freitag, 20. Mai 2016

Milás elliniká im Kloster Agia Triada



Die Halbinsel Akrotiri, die sich östlich von Chania ins kretische Meer vorschiebt, ist vor allem durch das Dörfchen Stavros bekannt, in dem Anthony Quinn den Aléxis Zórbas spielt und am Fuß des Berges Sirtáki tanzt. Viel interessanter als das Örtchen, das von den Tagestouristen aus Chania überschwemmt wird, ist das Hinterland. Bis zu fünfhundert Metern erheben sich die Berge aus der Ebene heraus. Hier befindet sich auch das Kloster Agía Triáda. Eine von Zypressen gesäumte Straße führt zu der mächtigen Anlage im Renaissancestil. Wir halten neben dem Treppchen, das Reitern im 17. Jahrhundert das Aufsteigen erleichtern sollte. Breite Stufen führen zum Eingangstor hinauf. Ein alter, ins traditionelle Schwarz gekleideter Mann sitzt dort und verkauft die Eintrittskarten. Lauter Fältchen um die Augen zeugen von einem fröhlichen Gemüt. Als er sieht, dass ich gehandicapt bin, winkt er uns durch. Das habe ich schon oft in Klöstern erlebt, offenbar vereinbart es sich nicht mit dem orthodoxen Glauben, Behinderten Geld abzuverlangen, selbst wenn es nur bescheidene Beträge sind. Ich bedanke mich überschwänglich auf Griechisch. Der Alte schaut auf. „Milás elliniká?“, du sprichst griechisch, fragt er. Ja, sage ich. Er grinst breit und freut sich. Für ein Gespräch hat er keine Zeit, denn an seinem Tischchen steht ein Mann und will Eintrittskarten erwerben. Wir betreten das Kloster. Aufgänge und Bögen verleihen dem Hof etwas malerisches. Überall wuchern Blumen. Vor dem Eingang zur Kirche steht ein mächtiger Orangenbaum. Doch halt, da hängen auch Zitronen dran. Wir schauen uns den Baum näher an. In diesem Augenblick plappert hinter uns eine Stimme los. Der Alte vom Eingang. Ich verstehe, dass der Baum vier Sorten Früchte trägt. Tatsächlich entdecken wir auch Limonen und Mandarinen. Der Baum sei dreihundert Jahre alt, erzählt der Mann. Es folgt ein Wortschwall, begleitet von Gesten. Denen entnehmen wir, dass die Früchte gepfropft worden sind. Er pflückt eine unreife Limone, kratzt mit dem Fingernagel an der Schale und hält mir die Frucht unter die Nase. Sie duftet intensiv und frisch. „Kalá?“, gut, fragt er. Ich nicke.

Während Frank Fotos schießt, setze ich mich auf eine Bank im Klosterhof. Der Alte wuselt zu seinem Tisch, dann kommt er wieder. Er erzählt mir, dass er Panagiotis heißt. Er hat Theologie studiert. Schon immer ist er den Mönchen zur Hand gegangen. Die Griechen haben ihre Religion ins tägliche Leben eingebunden. Selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es Nachwuchs für die Klöster. In Agia Triada leben fünf Mönche. Sie produzieren Wein, Olivenöl und Raki. Außerdem verkaufen sie kleine Ikonen und Votivtäfelchen, versilberte Bilder von Körperteilen. Wenn sich ein Grieche zum Beispiel das Bein gebrochen hat, erwirbt er eines mit einem Unterschenkel drauf. Das legt er an einem heiligen Ort ab und sichert sich dadurch die göttliche Hilfe bei der Heilung. Der griechisch-orthodoxe Glaube kommt mir ehrlicher vor, als das bei uns praktizierte Christentum.

Panagiotis löchert mich inzwischen mit Fragen. Woher wir kommen, in welchem Ort wir schlafen, wie oft wir schon auf Kreta waren, was wir mögen. Es gefällt mir, meine Griechischkenntnisse anzuwenden. Frank stößt wieder zu uns. Gemeinsam gehen wir zum Tor. In dem breiten Durchgang geht es auf der Linken zu einem kleinen Museum, auf der Rechten in den Laden, in dem die Mönche ihre Produkte anbieten. Wir versuchen uns zu verabschieden, Panagiotis aber schiebt uns entschieden in Richtung Museum. Er erzählt etwas von den Schätzen, die es hier gibt, und winkt, dass wir hineingehen sollen. Nun denn, wir tun ihm den Gefallen, obwohl kirchliche Kunst für uns nicht so interessant ist. In drei Kammern sind vergoldete Ikonen, liturgisches Gerät aus Silber und eine uralte Bibel ausgestellt. Als wir das Museum verlassen, wartet Panagiotis auf uns. Er hat eine Idee.

Seine Tochter hat Deutsch gelernt, ich griechisch und deshalb soll ich jetzt mit ihr telefonieren. Ich soll was? Ich bezweifle, dass ich das gerade richtig verstanden habe. Meine Einwände lässt Panagiotis nicht gelten. Er nimmt meine Hand und zieht mich in den Laden. Frank folgt mit verwundertem Gesichtsausdruck. Ich sage nur, dass ich jetzt telefonieren soll.

Im Laden redet Panagiotis so schnell auf den Mann hinter dem Tresen ein, dass ich überhaupt nicht mehr folgen kann. Der schiebt ihm das Telefon zu. Panagiotis drückt mit seinen rauen Fingern die Tasten und murmelt dabei die Ziffern vor sich hin. Es klingelt. Ich fasse immer noch nicht, was gerade geschieht. Griechisch beherrsche ich soweit, dass es für eine einfache Unterhaltung reicht, die Biografie, Urlaub, Essen und Zimmersuche abdeckt. Einem Telefonat fühle ich mich nicht gewachsen. Panagiotis spricht unterdessen mit jemandem. Dann legt er mit bekümmertem Gesicht auf. Das war sein Enkel. Seine Tochter sei gerade in Athen. Das ist ja so schade, dass ich nicht mit ihr telefonieren kann. Ich weiß nicht so recht, ob ich traurig oder froh sein soll.
Während ich Frank das Gespräch übersetze, sagt Panagiotis wieder etwas zu dem Mann hinter dem Tresen. Dieser holt ein hübsch geformtes Fläschchen mit Korken aus einem Schrank und packt es ein. Raki. Panagiotis erklärt uns, der gute Stoff, den die Mönche herstellen, sei wie Medizin und helfe bei Erkältung, gegen Kopfweh, Muskelschmerzen und alle möglichen anderen Beschwerden. Dann überreicht er uns das Päckchen und nötigt uns das Versprechen ab, wieder nach Kreta zu kommen. Vielleicht könne ich dann mit seiner Tochter telefonieren.
Als wir die breite Treppe hinuntergehen, steht Panagiotis im Torbogen und winkt uns nach. Erst als wir im Auto sitzen, wendet er sich um und geht ins Kloster zurück.

Sonntag, 8. Mai 2016

Das Komboloi oder Wie man sich als Grieche tarnt


Ein jeder, der Griechenland bereist, hat es schon gehört: Das typische Klack-klack mit dem die Perlen des Komboloi aneinanderschlagen, wenn sein Besitzer das Kettchen geschickt um die Finger wirbelt.
Von Außenstehenden als Rosenkranz missdeutet, ist es eigentlich ein Accessoire der Herrenausstattung und hat seine religiöse Bedeutung schon lange verloren. Über seine Herkunft gibt es viele Spekulationen: Aus China stammend, von den Mönchen des Athos als Gebetsschnüre genutzt, von den Türken übernommen. Mir gefällt am besten die Geschichte, dass in den Zeiten der türkischen Besatzung es als Mutprobe galt, vor den Türken mit deren Gebetskettchen zu spielen und die Besatzer damit zu verhöhnen. Die Menschen, die uns begegnet sind, nutzen es heute zum Zeitvertreib, um ihre Hände beschäftigt zu halten und als Glücksbringer. Auch ich trage jeden Tag ein kleines Komboloi in der Jackentasche. Es erinnert mich im hektischen deutschen Alltag an das flirrende Licht über dem Meer, an den Duft roter Erde und warmen Wind auf der Haut. Droht mir der Stress die gute Laune zu vermiesen, greife ich in meine Tasche, schiebe die Perlen ein bisschen hin und her und finde zurück zur inneren Ruhe. Frank und ich verbinden aber mit dem Komboloi noch eine ganze eigene Geschichte, die ich nun erzählen möchte:
Der Altstadt von Chania wohnt ein ganz besonderer Zauber inne, der auch im Sommer trotz der Touristenströme spürbar wird. Wir lieben es, durch die schmalen Gassen zu streifen, dem Charme der venezianischen Paläste nachzuspüren und einmal die große Runde um den Hafen herum zu laufen. Hier reihen sich Tavernen neben Cafés und nahezu vor jedem Lokal steht ein Kellner, der mit geübtem Blick die Nationalität der Vorbeiflanierenden bestimmt und in der jeweiligen Landessprache ruft: „Hunger? Gutes Essen! Kommen Sie.“ Lehnt man dann höflich ab, wir haben schon gegessen, ändert sich nur das Angebot: „Kaffee, Cocktail, Icecream! Kommen Sie!“ Ein bisschen anstrengend finden wir.
Weil mein Frank mit Sommerbräune und schwarzen Augen von den Griechen für einen Italiener und von den Italienern gewöhnlich für einen Griechen gehalten wird, reifte ein Plan in uns. Ob er sich mit Komboloi für einen Griechen ausgeben kann? Gekleidet in lange Hosen und dunkles Hemd – klar doch, kein Grieche, der etwas auf sich hält, läuft in Shorts oder gar Bermudas durch eine Stadt! - drehte Frank zunächst ohne mich die Runde und erschien breit grinsend wieder in unserer Pension.
Am Abend sollte ich es dann selbst erleben: Kaum sind wir die Treppengasse zur Hafenpromenade hinabgestiegen, schießt der erste Kellner aus seinem Lokal, vertut sich erwartungsgemäß in der Nationalität: „Mangiare, Signore, Signora?“ Klack-klack! „Signomi! – Entschuldigung!“ ruft er und zieht sich wieder zurück. Ok, das konnte Zufall sein. Doch ein Lokal weiter geschieht das gleiche. Wir amüsieren uns prächtig. Seither begleitet uns Franks Komboloi auf jedem Ausflug in touristisches Gebiet.

Samstag, 19. März 2016

Tsiknopempti – Grillduft und 9/8-Takt

Obwohl wir schon seit vielen Jahren Griechenland bereisen, waren wir noch nie zu einem der traditionellen Festtage im Land. Umso größer die Überraschung, als wir auf unserer diesjährigen Reise durchs griechische Festland fast jedes Lokal geschmückt erleben: Bunte Girlanden hängen unter den Decken, die Wände zieren farbenfrohe Masken, die an einen Maskenball in Venedig erinnern. In Griechenland ist Karnevalszeit!
Der kleine Hafen von Nafpaktos
Ja klar, hier richtet sich Ostern nach dem Julianischen Kalender und nicht wie bei uns nach dem Gregorianischen – und findet somit meistens später, selten am selben Tag, wie bei uns statt. So verwundert es nicht, dass auch der Karneval später gefeiert wird. Wir erfahren von den Einheimischen, dass die griechische Karnevalszeit drei Wochen umfasst. Wir werden zwei davon erleben: Die erste Woche, Profoní genannt, und Kreatiní, die zweite Woche. In der dritten Woche, der Tyrofágou, werden wir schon wieder in Deutschland sein. In der ersten Woche wird verkündet, dass Karnevalszeit ist. Wir spüren das daran, dass mehr und mehr Tavernen und Cafés ihre Räume schmücken. Das Wochenende verläuft ruhig. Von Faschingsfeiern bekommen wir nichts mit. Dafür entdecken wir in einer Taverne die Ankündigung zu einer Party für den Tsiknopempti, der am nächsten Donnerstag stattfinden soll. Tsiknopempti, das hört sich spannend an. An besagtem Donnerstag kommen wir in Nafpaktos an. Selbst in unserem Zimmer hängen Masken und Girlanden. Als wir an der Rezeption fragen, wo wir hier gut essen können, wackelt die Angestellte mit dem Kopf. Das wird schwierig heute. Es ist Tsiknopempti, alle Lokale werden ausgebucht sein. Vielleicht, wenn wir sehr zeitig gehen.
Als wir uns aufmachen und den hübschen Ort erkunden, hat es begonnen zu regnen. Wir kehren in eine moderne Cafébar ein, wärmen uns mit Kaffee und heißer Schokolade auf. Netter Laden, der sich schnell füllt und für den Abend einen DJ verspricht. Die Essensfrage ist noch nicht geklärt. Also wagen wir uns wieder in den Regen hinaus. Vor einigen Cafés stehen Grills, auf den Suvlaki vor sich hin rösten. Der Duft nach gebratenem Fleisch mischt sich mit dem Geruch des Regens. Tsiknopempti bedeutet genau das: Der rauchige Donnerstag. Mit Tsikno wird der Geruch nach verbranntem Fleisch bezeichnet, Pempti ist der Donnerstag. Heute wird nochmal ausgiebig Fleisch gegessen, ehe die Fastenzeit beginnt. Wieso ausgerechnet Donnerstag, fragen wir uns. Auch das hängt mit dem orthodoxen Glauben zusammen, nach dem mittwochs und freitags gefastet wird. Somit bot sich wohl der Donnerstag an, den fleischlichen Genüssen zu frönen.
Inzwischen hat der Himmel alle Pforten geöffnet und es schüttet aus allen Kannen. Ein bisschen planlos stolpern wir durch Nafpaktos, bis wir am alten Hafen laute griechische Musik hören. Schnell ist der Laden ausgemacht. Nauagio steht über der Tür. Wieder keine Taverne, sondern ein Café, in denen es typisch für Griechenland nur etwas zu trinken, aber nichts zu beißen gibt. Doch vor der Tür grillt ein kahlköpfiger Grieche Suvlaki unter einer Markise. Ok, das muss reichen. Wir huschen durch die Eingangstür und nehmen an einem Tisch Platz. Rasch bekommen wir Bier, Cola und Suvlaki und beobachten das Treiben.
Rechts sind die Schirme des Nauagio zu sehen
Ein bisschen haben wir das Gefühl, auf einer Privatparty gelandet zu sein. Die Leute kennen sich alle und sind in bester Feierlaune – und das halb acht! Keiner ist verkleidet, das ist gehört hier wohl nicht zur Tradition. Die Musik wechselt zum Rembetiko. Ich liebe diese Musik, den griechischen Blues. Es ist die Musik des Widerstands, des harten Lebens der einfachen Leute aber auch der unerfüllten Liebe. Sofort findet sich ein Mann und tanzt den Zeibekiko. Einen Tanz, den ich häufig als improvisierten Ausdruckstanz bezeichne. Er bewegt sich in der Mitte zum komplizierten Rhythmus der Bouzuki, die Arme ausgebreitet, wie ein Vogel, der den Wind unter den Schwingen prüft. Alle anderen sammeln sich im Kreis um ihn herum, knien oder hocken zu seinen Füßen und huldigen ihm durch Klatschen. Auch wir klatschen von unseren Plätzen aus. Der Tänzer erzählt eine Geschichte, sie handelt von der Melancholie des Lebens. Mich beeindruckt immer wieder, wie sich die Griechen bewegen können, wie ihre Körper mit der Musik verschmelzen, wie sie die Botschaft der Lieder in ihre Schritte, Sprünge und Figuren einweben. Als ich vor vielen Jahren mal einen Griechen fragte, wie man das lernt, sagte er mir: Du musst die Musik fühlen, hier. Und schlug sich auf das Herz.
Auch heute wechseln sich die Tänzer mit jedem neuen Lied ab. Obwohl ursprünglich ein Tanz für Männer, wird er inzwischen auch von Frauen getanzt. Eine Griechin mit blondiertem Wuschelkopf steht jetzt in der Mitte. Ihre Bewegungen sind fließender, wie das Wasser des Meeres, das hin und her wogt, Felsen am Ufer umspült. Sie ist ganz in ihrem Song. Wieder tanz ein Mann. Wir sehen die Geschichte vom Betrunkenen, der seinen Schmerz im Alkohol ertränkt hat. Wuschelkopf kommt auf mich zu. In dem Wortschwall Griechisch mache ich nur das Wort für Tanzen aus. Nein, nein, sage ich, das ist zu schwer. Doch, doch ermuntert sie mich und so lasse ich mich überreden und bin plötzlich die nächste im Kreis. Zum Glück kenne ich das Lied. Ich schließe die Augen, um den Rhythmus aufzunehmen, wie Wasser rufe ich mir in Erinnerung, hebe die Arme und tanze, lasse die Hüften kreisen. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, dass der Kreis um mich herum voll besetzt ist. Selbst diejenigen, die sich vorher noch nicht zu den Tänzern gesellt hatten, sind jetzt aufgestanden oder knien zu meinen Füßen. Eine große Ehre. Worte können kaum beschreiben, wie mich das bewegt. In Franks Gesicht lese ich Stolz. Der Glatzkopf vom Grill, Tasos, der sich später sowohl als der Chef des Ladens als auch als der Mann vom Wuschelkopf herausstellt, hebt den Daumen. Das Lied geht zu Ende, ich ernte Applaus und überlasse die Tanzfläche dem nächsten Tänzer.
Die Musik wechselt zu moderneren Stücken. Sofort finden sich eine Reihe Leute, die sich an den Händen fassen und eine einfache Schrittfolge im Kreis tanzen. Überhaupt gibt es wohl kein einziges Lied – vom Zeibekiko abgesehen – bei denen die Griechen für sich tanzen. Immer halten sie sich an den Händen, die Arme stets in der Luft. Wenn keine Frau Lust zu tanzen hat, dann tanzen die Männer allein. Die ganze Atmosphäre ist herzlich, fröhlich – wir fühlen uns rundum willkommen. Natürlich dürfen wir nicht sitzen bleiben, sondern müssen uns auch jetzt zwischen den Tänzern einreihen. Auf kleinstem Raum tanzen zwei Mädchen zusammen und wir umkreisen sie mit wiegenden Schritten, der Rhythmus schweißt alle Tänzer zusammen, Fremde werden zu Bekannten, zu Freunden. Und so verabschieden wir uns später am Abend herzlich von Tasos, Petros und ihren Mädels, verbinden uns auf Facebook und versprechen, wieder im Nauagio Café vorbeizuschauen, wenn wir in Nafpaktos sind. Der Regen hat aufgehört, als wir zu unserer Pension laufen. Mir tun derweil die Arme weh, und ich weiß, dass ich morgen vom vielen Tanzen Muskelkater haben werde. Unsere Smartphones jedenfalls blieben in der Tasche - den Moment genießen, ohne aufs moderne Gerät zu schauen, das ließ uns in eine andere Welt abtauchen. Den ganz besonderen Zauber dieses Abends werden wir immer im Herzen tragen.

Samstag, 23. Januar 2016

Herzschlag Athen

Das erste Mal besuchte ich 1996 Athen. Mein Eindruck damals: Eine laute, stinkende Stadt. Viel zu viele Menschen - fast vier Millionen leben hier. Die Stadt ist riesig. Unübersichtlich. Verwinkeltes Einbahnstraßengewirr, durch das sich Blechlawinen quälen. Vier, fünf Jahre später war ich zum zweiten Mal hier. Nicht besser. An drei Seiten von über tausend Meter hohen Gebirgszügen umgeben, ruht das Häusermeer unter einer Smogglocke.
Parks und Grünflächen gibt es kaum. Die heiße Luft steht zwischen hässlichen Plattenbauten. Unpersönliches Hotel in einem Randbezirk mit viel zu kalt eingestellter Klimaanlage, so dass die Hitze wie ein Hammerschlag meine Stirn trifft, wenn ich vor die Türe trete. Mein damaliger Begleiter schleppte mich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit. In zwei Tagen müssen alle touristisch relevanten Punkte aufgesucht werden. Bei 38 Grad im Schatten lasse ich mich von Touristenmassen aus aller Herren Länder auf die Akropolis hinauf und durchs Museum hindurch schieben. Ich beschließe, dass Athen hässlich ist und dass dieser Eindruck auch durch den Status als älteste Stadt Europas nicht gemildert wird.

Seit 12 Jahren bereise ich mit Frank Griechenland. Von Athen habe ich ihn lange fern gehalten, waren mir doch meine Zeit, die wenigen Tage im Jahr, die ich in Hellas verbringen darf, zu schade, um in diesem Moloch herumzuhängen. Doch jemand, der Griechenland liebt, muss auch diese Stadt erlebt haben. Im letzten Jahr nach unserer Peloponnes-Rundreise ging der Rückflug vom Eleftherios-Venizelos-Flughafen, der nach dem großen kretischen Premierminister benannt wurde. Es bot sich an, zwei Nächte in Athen zu schlafen. Keine Lust auf die Hotels – steril und teuer. Deshalb buchten wir eine private Unterkunft mitten im Herzen der Stadt, so dass alles Wichtige fußläufig erreichbar war. Einen Tag, zwei Nächte, dachte ich mir, das hältst du schon aus und auch Frank kann einen Haken hinter Griechenlands Hauptstadt setzen. In Erinnerung an das Einbahnstraßengewirr gaben wir unser Auto am Flughafen zurück und fuhren mit der Metro, der blauen Linie, ins Zentrum. Unser Vermieter, der sich ganz international Adam nennt, erwartete uns am Ausgang der Monastiraki-Station. Einen Steinwurf weiter das winzige Appartement, das alles hat, was man braucht. Sogar einen Regenschirm, denn immerhin ist Februar. Adam schlägt uns eine Tour durch die Nachbarschaft vor, eine Mini-Stadtführung.

Zwei Blocks von der Wohnung entfernt liegt der Monastiraki-Platz. Die Metrostation mit ihren Rundbogen-Arkaden verbindet die modernen Hochhäuser, die den Platz im Norden begrenzen, mit den schnuckeligen Häusern der Plaka im Süden. Dahinter erhebt sich majestätisch der Akropolis-Hügel. Gegen das Treiben auf dem Monastiraki-Platz ist Leipzigs Markt selbst zur Weihnachtszeit gähnend leer.
Adam stapft mit uns mitten auf den Platz und dreht sich den Arm ausgestreckt im Uhrzeigersinn. Die Gasse mit den traditionellen Grillrestaurants, wo die älteren Athener speisen. Die Einkaufmeile mit den ganzen internationalen Modeketten, die direkt zum Syntagma-Platz mit dem markanten Parlamentsgebäude führt, das jeder aus den Nachrichten kennt. Die Monastiraki-Kirche aus dem 17. Jh., die dem Platz seinen Namen gab. Daneben ein paar Säulen und altes Gemäuer - die Hadrians-Bibliothek, 2. Jh. nach Christus. Die charakteristische Kuppel der Tsistarakis-Moschee, der das Minarett fehlt und die heute als Keramik-Museum dient, erbaut Mitte des 18. Jh. Die ersten Häuser der Plaka mit ihren Fassaden ebenfalls aus dem 18. Jh. Darüber thront die Akropolis, 5. Jh. vor Christus. Weiter südlich die römische Agora, 1. Jh. vor Christus. Dazwischen eine Gasse, der berühmte Athener Flohmarkt mit seinen unzähligen Geschäften. Parallel dazu die Gasse mit modernen Restaurants, in denen sich jüngere Leute treffen. Adam liefert gleich seine Empfehlung für unser Dinner mit. Dann zeigt er auf eines der Hochhäuser. A for Athens steht an der Fassade des modernen Hotels. Im obersten Stockwerk und auf dem Dach eine Café-Bar, die uns Adam fürs Frühstück empfiehlt. Vor unseren Füßen Glaskästen. Als ich hindurchschaue, sehe ich antike Mauern und Gebäudereste - mitten in der Metrostation. Gegensätze, wohin das Auge blickt.
Die Mini-Stadtführung hat keine halbe Stunde gedauert. Adam verabschiedet sich und verschwindet im Gewühl. Wir setzen uns in ein Café und lassen das Treiben auf uns wirken. Im Februar lässt es sich unter einem Heizpilz gut im Freien aushalten. Der dampfende Kaffee wird in einem kupfernen Brikki serviert, in dem er auf einem Gaskocher zubereitet wurde. Blitzlichtartig sammle ich die Eindrücke. Trotz Rezession und Griechenlandkrise sehe ich viel mehr Einheimische als Touristen. Sie bevölkern die Freisitze der Cafés, hocken auf den Glaskästen mit ihrer Gyrospita in der Hand, klatschen im Takt der Straßenmusiker. An einem Stand duften Maronen auf dem Rost. Daneben verhandelt eine alte Frau mit Kopftuch mit einer mondän gekleideten Griechin über den Preis ihrer bestickten Tischdecken. Über dem Kopf einer jungen Frau schwebt ein Bündel bunter Luftballons: Tiere, Herzen, Comicfiguren. Eine andere verkauft Rosen. Dazwischen ein Losverkäufer mit verwittertem Gesicht. Der Losverkauf ist das griechische Pendant zu unseren Straßenzeitungen, die Bedürftigen können sich so ein kleines Geld dazuverdienen.

Hier auf dem Monastiraki-Platz schlägt das Herz von Athen. Der Strom an Menschen ist das Blut in ihren Adern. Mit jedem Atemzug lässt sich der Puls dieser Metropole spüren. Reißt mich mit, ich lass mich treiben. Ich glaube, das ist das Geheimnis. Man muss den Herzschlag dieser Stadt aufnehmen wie den Beat beim Tanzen. Im gleichen Rhythmus atmen. Sich öffnen für den Geist der Geschichte wie auch für die Kraft der Moderne.

Kann kaum in Worte fassen, was wir erleben. Die Liveband in dem Restaurant am Abend. Der Blick von der Terrasse des A for Athens am anderen Morgen hinüber zur Akropolis und hinunter auf das bunte Treiben auf dem Monastiraki-Platz. Die kleinen Geschäfte auf dem Flohmarkt, wo sich Krimskramsläden mit Lederwaren und Gebrauchtwarenhändlern abwechseln.
Der Aufstieg auf die Akropolis - als ob man in eine ganz andere Welt eintaucht, eine Zeitreise in die Vergangenheit. Die gigantische Aussicht vom Akropolis-Hügel über das weiße Häusermeer, hinter dem die blaue See in der Sonne glänzt. Graffiti an unzähligen Fassaden – künstlerisch und politisch zu gleich. Eine Kirche aus dem 17. Jh., die unter einem modernen Hochhaus steht, das extra wegen dem Kirchlein auf Betonpfeilern errichtet wurde. Das Olympeion des Zeus: Haushohe Säulen, die Jahrtausende überdauert haben und mit den Plattenbauten im Hintergrund für den ewigen Widerspruch stehen, in dem sich Griechenland seit Jahren befindet. Immer wieder freundliche, interessierte Leute, die sich wundern, was die beiden Deutschen denn mitten im Winter in Griechenland tun. Nach neunzehn Jahren hat es mich erwischt. Athen ist großartig. Eine Stadt der Superlative. Eine Stadt, die man erlebt haben muss. Eine Stadt, die ich immer wieder spüren will. Weil mein Herz in ihrem Takt tanzt.